 |
WARS - Kurzgeschichte[n] : Kara
Kax Shan
|
|
Ein schwerer Juggernaut
von Karsten Raudonat
Metallische Kälte durchzog die Brücke des Frachtschiffes und kroch bis in seine letzten Gewebereste. Kara Kax Shan konnte sich an nichts erinnern, glaubte er. Langsam wich der Nebel in seinem Kopf, von dem er nicht wusste, ob er das Resultat des übermäßigen Genusses von verpanschtem Alkohol oder der blutenden Wunde über dem Infrarotauge war. Er blickte in den dämmerigen Raum, in dem es keine Konturen zu geben schien. Verwundert versuchte er den Grund der Kälte zu finden und knirschte dabei in alter Gewohnheit mit seinen legierten Zähnen.
* * * * *
Schummriges Licht erfüllte das Hinterzimmer. Wie üblich stand die verrauchte Luft wie eine Wand im Raum und trotzdem konnte er den Schweiß- und Alkoholdunst seines Gegenspielers riechen. Knisternde Spannung lag über ihrem Spiel. Die übrigen Tische waren inzwischen verwaist und mehrere Mavericks beäugten gespannt das Geschehen auf dem abgewetzten Spieltisch.
Diese angehäufte Summe in der Tischmitte war selbst in Erics Laden auf Themis ungewöhnlich hoch und erzeugte unwillkürlich ein Raunen. Damit konnte man schon ein ordentliches Geschäft aufziehen oder sich ein paar neue Bauteile für den eigenen Körper kaufen.
Kara Kax Shans Augenbraue zuckte, als er seine neue Karte aufnahm, doch sein Gegenüber wusste dies nicht zu deuten. Nervös kratzte er seine Glatze, legte ein letztes Mal nach, warf seine Karten auf den Tisch und brüllte Kara in einem Atemzug ein "Sehen" und "Das wars" ins Gesicht. Betont langsam begannen sich die frisch bandagierten Arme um den Haufen zu legen und die ansehnliche Summe von Kara wegzubewegen. Ein breites Grinsen wich dem anfänglichem Lächeln auf beiden Gesichtern, bis Kara schwungvoll seine Vier Asse in die ausgebreiteten Arme des Glatzkopfes warf.
Der folgende Tumult war so schnell vorbei, wie er begann. Schade war nur, das eine Armbandage nun einer Schiene weichen musste. Kara interessierte das alles nicht. Er hatte sein nötiges Startkapital, um das Geschäft seines Lebens zu machen. Die Glückssträhne begann!
Noch zwei Tage. Kara saß Nick Murrin gegenüber, starrte auf dessen Tätowierungen und redete sich den Mund fusslig. Er mochte den Mann mit dem Beinamen "Starhawk", ein geborener Pilot, der mit seinem Schiff verschmolz, statt es zu manövrieren. Es gab keinen Besseren und er war eigentlich seine erste Wahl und doch war Nick der Letzte, dem er die Partnerschaft anbot. Kara Kax Shan war nicht der Einzige, der die Qualitäten von Starhawk zu schätzen wusste und demzufolge waren dessen "Auftragsbücher" übervoll. Die Zeit und seine letzte Chance verfloss. Nun würde er dieses Projekt also doch alleine durchziehen müssen. Wem er vertraute - wenn es so etwas gab, hatte ihn für verrückt erklärt und abgelehnt. Ein Grünhorn kam nicht in Frage, es glich geplantem Selbstmord. Die Zeit drängte, also konzentrierte er sich auf seinen Plan.
Kara blätterte die Informationen - die er von dem Kartellgesandten eingetauscht hatte, zum hundersten Male durch. Der Plan konnte und musste auf Anhieb gelingen. Einen zweiten Versuch würde es nicht geben. In zwei Stunden war Abflug. Kara harkte noch einmal die Checkliste des Schiffes ab. Die „Plündernder Bandit“ war ein zuverlässiges Schiff, doch was mehr zählte, war der Überraschungsmoment beim Angriff. Wertvolle Zeit bis der Gegner bemerkte, das dieses Schiff nur äußerlich ein altes Wrack im Transportergewand war und die Wirklichkeit ihn einholte. Dazu kam die notwendige Schnelligkeit, denn ein altes Mav-Sprichwort lautet: "Ein Raubzug ist erst dann erfolgreich, wenn die Beute verhökert ist". Kara dachte nur unwillig an seinen letzten Überfall auf die Venus-Forschungsstation, bei dem er nur um Haaresbreite dem Ergreifen durch die lokalen Gesetzeshüter entkam.
Ein leichtes Rütteln lief durch das Schiff. Kara war aufgeregt, was in den letzten Jahren merklich zunahm. Wurde er zu alt fürs Geschäft? Nachdem er die Zielkoordinaten bestätigt hatte, lehnte er sich zurück, legte die Füße auf den einzigen freien Platz am Steuerpult, atmete tief durch und nahm einen kräftigen Zug aus der Flasche. In drei Stunden sollte es ernst werden. Bis dahin musste er den Puls ruhig halten und sich ablenken. Die „Plündernder Bandit“ verließ den Anlegeplatz und Kara drehte die Musik auf Anschlag.
Bereits seit 25 Minuten lag sein Schiff im Schatten des Asteroiden nahe Ceres. Sollte die Information nichts wert gewesen sein? Das Warten zermürbte Kara. Er wurde zusehends unruhiger und seine Hände begannen feucht zu werden. Ein schlechtes Zeichen. Kara stopfte sich die nächste Portion chininhaltige Kaumasse in den Mund und kippte den süßen schweren Alkohol hinterher. Er hatte inzwischen die Musik abgedreht, obwohl er wusste, das die Schwingungen von den Cockpitwänden vollständig absorbiert wurden. Erneut checkte er die Sensoren. Endlich, in Windeseile verglich er das Abtastprofil mit den Archivdaten und bevor das Schiff in Nahsensor-Reichweite kam, wusste Kara, das sich das Warten gelohnt hatte. Alles sollte sich gelohnt haben!
Die „Plündernder Bandit“ nahm nach dem kurzen Seitwärts-Schub der Triebwerke, eine leicht taumelnde Bewegung an. Kara setzte die Notboje ab und atmete tief durch. Wie erwartet verlangsamte der Transporter seine Geschwindigkeit und blieb in Reichweite seiner Bordwaffen stehen. Die Schilde waren unten. Jetzt. Als bei Kara die Standard – Anfrage vom Frachtschiff auf den Notruf einging, schlug die Sonde bereits auf dem Schiff auf. Im selben Augenblick hatten die Nano-Mikroben bereits den Hauptcomputer infiltriert. Ein Kampf würde ihm erspart bleiben. Er hatte an sich nichts gegen einen schönen Schlagabtausch, aber ab und zu verirrte sich auch ein Geschoss. Es könnte in die Treibstoffsektion einschlagen und er wollte seine Beute auf keinen Fall verlieren. Ein schwerer Juggernaut – die neueste Generation der FedGrav-Fahrzeuge der Erdlinge, 2 Kisten mit je 20 Stufe 7 Flüssiglaser und die komplette Sektion voll Kraftstoff, sollte für die nächsten zehn Jahre reichen und war die Basis für seine eigene Tankdockstation. Besonders der Juggernaut hatte es ihm angetan. Alleine dieses Gefährt war seine Altersvorsorge. Obwohl als Antwort auf die Nöbots der Gongen entwickelt, erreichten sie nicht deren Kampfstärke, finanziell waren sie aber absolut ebenbürtig.
Das unabhängige Frachtschiff erinnerte ihn an eine fliegende Kastete. Es fehlten nur noch die 18 haarigen Beine und das Ding würde durchs All krabbeln. „Fehlt nur noch, das es grunzt.“ dachte Kara und grunzte dabei.
Kara konnte sich immer noch nicht erklären, warum die CGC die wertvolle Ausrüstung mit einem Frachtschiff ohne Eskorte transportierte. Waren die Streitkräfte der Erde in der Schlacht bei Luna so dezimiert worden? Oder dachte die CGC wirklich, das der Transport geheim bliebe? Inzwischen hatte er die „Plündernder Bandit“ stabilisiert und fuhr den Andockgreifarm aus.
Mit gezogener Waffe hechtete Kara aus der Schleuse in den Gang zur Brücke. Die Beleuchtung lief auf Dämmerbetrieb? Im Schiff herrschte absolute Ruhe. Das hatte Kara nicht erwartet. Unsicher riss er die Tür zur Brücke auf und blieb wie angewurzelt stehen. Mitten im sonst leerem Raum stand ein uraltes Modell eines Roboterkellners, die Schiffssteuerung stand auf Automatik.
Doch das war es nicht, was ihn vor Angst erstarren ließ.
Direkt vor dem Bug des Frachtschiffes lagen urplötzlich zwei Sudeva - Kampfschiffe. Als ein Rütteln durch den Boden lief, wusste Kara instinktiv, das der erste Angriff der „Plündernder Bandit“ galt und er sein Schiff nicht wiedersehen würde. Mit dem Infrarot-Auge beobachte er den Energieausstoß der zweiten Angriffwelle der Shi – Kampfschiffe. Unbewusst ließ er sich auf den Boden fallen und hob schützend die Arme über den Kopf, als zeitgleich die Deckenverkleidung herabstürzte und es dunkel um ihn wurde.
* * * * *
Er? Sie? Es war einfach da! Trotz der Sensorik-Ohrmuschel hatte er keine Türmechanik, keine Schritte, kein Beben gehört. Nur der Lufthauch ließ ihn aufmerken. Die bläulich - schimmernde Hautfarbe faszinierte ihn. Vielleicht sollte er bei Manice, seinem Schwarzmarkt-Vermittler, mal nachfragen, wie teuer dieser Umbau für ihn wäre? Die Bewegung war langsam, trotzdem störte sie ihn. Der Gedanke endete abrupt, als der geschwungene Stab seine Brust berührte und die elektrischen Impulse durch seinen Körper liefen. Es gab kein Aufbäumen, keinen Schrei - nur noch Stille.
Kaum Zehntel-Sekunden später zerbarst das Frachtschiff mit einer gewaltigen Detonation und verschluckte in dem gigantischen Feuerball das Wrack der „Plündernder Bandit“ und die zwei Sudeva-Schiffe.
* * * * *
Sana Camrik, das taktische Genie der CGC, nickte Hank Cates, ihrem Geleitschutzpiloten der Erdstreitkräfte, kurz zu. Der Startknopf der Triebwerke lag direkt neben der Fernzündung der
entfremdeten Orbitalbombe. Der Jäger der Erdstreitkräfte deaktivierte die Tarntechnologie, hob von der Asteroidenoberfläche ab und nahm Kurs auf die Luna - Militärbasis.
Hier gab es nichts mehr zu tun.
(Version 1.1 vom 28.02.2006)
KARTENLEGENDE:
Orte:
Ceres/Versteck im Asteroidengürtel = 1 S 296
Themis/Ausgebauter Asteroid = 1 C 323
Venus/Forschungsbasis = 1 R 325
Charaktere:
Taktisches Genie = 1 C 4
Geleitschutzpilot = 1 C 10
Kartellgesandten = 1 R 115
Nick „Starhawk“ Murrin = 1U 155
Schwarzmarkt-Vermittler = 2 C 72
Roboterkellner = 2 C 149
Schiffe:
Jäger der Luna Garnison = 1 C 39
Plündernder Bandit = 1 C 144
Sudeva Kampfschiff = 1 C 208
Unabhängiges Frachtschiff = 1 C 282
Fahrzeuge:
Schwerer Juggernaut = 1 U 26
Waffen:
Stufe 7 Flüssiglaser = 1 U 23
© 2001-2006 net-S-rak public